Innsbruck Alpine Trailrun Festival 2023 – ein Wechselbad der Gefühle

Nach meiner Teilnahme am Mozart 100 im letzten Jahr hatte ich mir für 2023 ein neues Ziel gesetzt: Den K85 Heart of the Alp Ultras im Rahmen des Innsbruck Alpine Trailrun Festivals am 2. Juni 2023. Kurz vor dem Bewerb wurden wir über eine Streckenänderung aufgrund einer Mure informiert und so warteten 4000 hm und 91,6 km auf mich. Lange und intensiv hatte ich mich auf diesen Tag vorbereitet. Doch war es genug?

Startschuss um Mitternacht

22.45 Uhr. Ich stehe im kompletten Outfit im Hotelzimmer meiner Mama und schaue mich um, ob ich auch ja nichts vergessen habe. Der Rucksack ist prall gefüllt, die Stirnlampe bereits auf dem Kopf, Handy und Uhr zeigen 100 % Akkuleistung an. Es kann also losgehen. Meine Mama begleitet mich zum nahe gelegenen Start des K85 Heart of the Alp Ultras des Innsbruck Alpine Trailrun Festivals. Die Stimmung ist anders, als ich es erwartet hätte: Es ist ruhig, kein Trubel, LäuferInnen sitzen oder gehen herum, jeder wirkt sehr auf sich selbst konzentriert. Wir setzen uns auf eine der Bierbänke und ich lasse die Atmosphäre auf mich wirken.

Nach einer Weile hört man die Moderation auf der Bühne und alles wird ein bisschen lebendiger. Die Startaufstellung beginnt und nach einer kurzen Ausrüstungskontrolle bin ich auch schon mitten im Startfeld. Außerhalb der Absperrung steht meine Mama und wir scherzen noch ein bisschen, bis wir uns wenige Minuten vor Mitternacht mit einer innigen Umarmung voneinander verabschieden. „Pass gut auf dich auf“ gibt sie mir mit auf den Weg. Ich werde mein Bestes geben. Ab jetzt konzentriere ich mich nur noch auf mich. Das Handy ist auf Flugmodus, die Uhr wartet nur noch darauf, dass der Startknopf gedrückt wird. Ich bin bereit. „10, 9, 8, 7,…..“ wird der Countdown heruntergezählt und in wenigen Sekunden fällt der Startschuss für das Innsbruck Alpine Trailrun Festival.
Ich mache mich auf auf den bisher längsten Lauf meines Lebens.

Das Publikum ist großartig und verabschiedet die 110k und 85k LäuferInnen mit tosendem Applaus aus dem Start-/Zielgelände in Richtung Altstadt, wo das Klatschen und Anfeuern weitergeht. Entlang des City Trails haben sich zahlreiche Menschen versammelt und sorgen damit für einen ersten PULSmoment.

Durch die Nacht

Bald geht es hinaus und den Inn entlang und plötzlich sehe ich nochmals meine Mama am Straßenrand, die mich kräftig anfeuert und mir alles Gute wünscht.
Wir überqueren den Inn und schon beginnt der erste Anstieg. Im gemütlichen Tempo, weil es sich aufgrund der großen Menschenmenge etwas staut, schlängelt sich der Weg nach oben. Anfangs noch auf Asphalt, doch schon bald geht dieser in einen Steig über mit vielen Wurzeln. Ich bin froh, mich in letzter Minute doch noch für die zwar schwerere, aber stärker leuchtende Stirnlampe entschieden zu haben. Die ist hier sicher von Vorteil. Wir kommen höher hinauf und in einer Lichtung erhasche ich einen mystischen Anblick auf das unter uns liegende Innsbruck, darüber der leuchtende Mond, vor und hinter mir eine Kette aus sich bewegenden Lichtern der LäuferInnen, also ob sie tanzen würden. Es ist ruhig. Jeder scheint mit sich selbst beschäftigt zu sein. Ich genieße diese Ruhe.

verwackelter Schnappschuss – Innsbruck bei Nacht

Bett-Sehnsucht

Ich bin noch nie um Mitternacht in ein Rennen gestartet und es fühlt sich für mich alles ein bisschen surreal an. Immer wieder kreisen meine Gedanken um mein Bett. Ich träume mich unter eine kuschelige Decke und spüre eine richtige Sehnsucht nach einem Bett, es müsste nicht einmal unbedingt mein eigenes sein. Trotz des Adrenalins, das ich in meinem Körper spüre, bin ich müde. Vor allem meine Augen werden immer schwerer und teilweise habe ich sogar Probleme, den Weg vor mir deutlich zu erkennen. Ich bin froh, wenn ich immer wieder LäuferInnen überhole oder von ihnen überholt werde, weil es Abwechslung bringt und ich somit von meinen Gedanken an ein Bett abgelenkt werde. Außerdem ist der Weg ebenso abwechslungsreich und fordert meine Konzentration.

Nach den ersten 11 Kilometern erreiche ich die erste Verpflegungsstation beim Romediwirt. Es ist kaum zu glauben, aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, ob ich mir dort etwas zu essen geholt habe oder nicht. Dass ich nichts getrunken habe, kann ich mit Sicherheit sagen. Nachdem mir mein Trainer empfohlen hat, nur mein eigenes Iso-Getränk oder Wasser zu trinken und meine 2-Liter-Blase noch gut gefüllt war, brauchte ich nichts. Ich weiß auch, dass ich mich nicht lange aufgehalten habe, aber an mehr kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Es ist verblüffend, wie fokussiert man im Rennen ist und wie sehr man „Nebensächlichkeiten“ ausblenden und somit vergessen kann.

Partypeople und Laugenstangerl

Es geht weiter durch die Nacht und immer wieder schaue ich zwischendurch auf die Uhr. Die Zeit vergeht relativ flott, darüber bin ich sehr froh. Ich kann es kaum erwarten, dass die Dämmerung beginnt und die Dunkelheit weicht. Ich komme nach Hall, es ist mitten in der Nacht und ich stelle mir vor, wie die BewohnerInnen der Häuser in ihren kuscheligen Betten liegen, während ich hier draußen an ihren Gärten vorbeilaufe. Hin und wieder taucht eine Person auf, die gerade mit ihrem Hund spazieren geht. Ich treffe auch auf eine Gruppe Jugendlicher, die offensichtlich von einer Party nach Hause geht. „Hopp hopp, es ist sicher nicht mehr weit“, rufen sie mir und den paar anderen LäuferInnen zu. Dabei biegen sie sich vor Lachen und auch wenn es eigentlich überhaupt nicht lustig ist, muss ich ebenso grinsen 😉

Ich komme zur nächsten Verpflegungsstation in einem Innenhof und hier kann ich mich erinnern: ein Stückchen Laugenstangerl, Käse, Tomate mit Salz, ein Becher Wasser. Auch wenn es so viele Köstlichkeiten wie Gummibären, Obst, Schokolade, Kuchen, Cola usw. gibt, bleibe ich bei dieser Auswahl und halte mich nicht lange auf. Ich möchte unbedingt vermeiden, dass mir wieder schlecht wird, daher möchte ich so wenig Abwechslung wie möglich beim Essen und vor allem keine Experimente ausprobieren. Außerdem sollte ich auf zu stark gezuckerte Ernährung so früh im Rennen verzichten. Daher habe ich mir vorgenommen, mich vorwiegend von meinen eigenen Gels und Riegeln zu ernähren und an den Labestationen vor allem auf Salzzufuhr und leicht verdauliche Nahrung zu achten. Ebenso möchte ich auf Koffein so gut wie möglich verzichten. Mal schauen, wie lange ich das durchhalte.

Der Tag erwacht

Ich laufe weiter und bin beeindruckt, als ich plötzlich sehe, wie es zu dämmern beginnt. Der Horizont ist in tiefes Rot bis Gelb getaucht – jene Farben, die den Sonnenaufgang ankündigen.

Ich muss unweigerlich lächeln und laufe noch ein paar Schritte weiter, um einen guten Fotospot zu finden. Es geht leicht bergauf und ich wechsle in Schritttempo, um auch noch ein Selfie zu machen. So groß ist meine Freude, die ersten Zeichen des Tagesanbruchs zu sehen.

Guten-Morgen-Selfie 😉

Plötzlich höre ich hinter mir zwei Männer rufen. Meinen die mich? Ich drehe mich um und sehe zwei Mitstreiter, die mir deuten und „Da geht es lang“ zurufen. Schon sind sie links hinter einer Hecke verschwunden. Dankbar für ihre Hilfe laufe ich zurück und ärgere mich über mich selbst, dass ich zu wenig geschaut habe und auf das Fotografieren konzentriert war. „Vielen Dank“ rufe ich ihnen beim Überholen zu.

Morgendämmerung beim Überqueren der Autobahn

Irgendwann habe ich die ersten 30 km geschafft, also ungefähr ein Drittel. Dafür habe ich ca. 5 Stunden gebraucht und ich rechne mir im Kopf aus (der zu diesem Zeitpunkt zum Glück noch funktioniert), dass ich – sollte ich in dem Tempo weiterlaufen – auf ca. 15 Stunden kommen würde. Das wären 2 weniger als ich mir vorgenommen habe. Man kann natürlich nie genau sagen, wie lange man brauchen wird und ich hatte auch nicht wirklich ein Ziel, aber 17 Stunden war die Zahl, die immer in meinem Kopf herumschwirrte. Nicht schlecht, denke ich mir.

Die Strecke ist bis jetzt gut laufbar, oft geht es über Feldwege und -straßen. Immer wieder bin ich für eine Weile mit anderen unterwegs. Entweder sind sie kurz vor mir und ich hänge mich dran, oder ich höre sie hinter mir und merke, dass sie sich meinem Tempo für eine Weile anschließen . Nicht oft, aber doch immer wieder, kommt es dazu, dass plötzlich ein Läufer mit einem Tempo von hinten kommt, das ungefähr doppelt so schnell ist wie meines und kurze Zeit später ist er auch schon vorbei und war nie wieder gesehen. Ich frage mich immer, wo diese Menschen herkommen, vor allem wenn schon einige Stunden des Rennens vorbei sind. Hatten sie anfangs ein Problem und konnten erst später alles geben, was in ihnen steckt? Bis jetzt habe ich dieses Geheimnis noch nicht gelüftet.

Irgendwann ist es so weit und ich beschließe, dass ich jetzt genug sehe, um meine Stirnlampe abzunehmen. Es ist ein herrliches Gefühl, denn Druck auf meinem Kopf kann ich während eines Laufes nicht leiden und eine überdimensionale Stirnlampe erst recht nicht. Zum Glück war es bis jetzt noch nicht zu heiß, sonst würde mein Kopf bestimmt schon pochen.

Weiter mit dem Bus?

Ich laufe gerade einen Wiesenweg entlang, der in eine Straße mündet, als von rechts oben ein Läufer auf mich zukommt. „Ah, auch zum Bus?“ fragt er mich freundlich. „Bus? Welcher Bus“. „Na der Bus zum Start. Bist du auch am Weg dahin?“ meint er. Sichtlich verwirrt weiß ich anfangs nicht, wovon er spricht. Dann sehe ich seine orange Startnummer, die zeigt, dass er am K65 teilnimmt. Ich deute auf meine rote Startnummer. „Äh nein, ich bin schon auf der Strecke, also ich bin seit Mitternacht unterwegs“ antworte ich und muss lachen. „Wobei, ein Bus wäre jetzt gar nicht so schlecht“ kommt mir in den Sinn 😉 Wir wünschen uns beide alles Gute und auch als wir schon einige Meter voneinander entfernt sind, ist unser Lachen noch zu hören.

Die ersten Wehwehchen

Einige Zeit später komme ich an der von mir lang ersehnten Verpflegungsstelle „ÖAMTC“ an. Knapp 42 km sind geschafft. Wie schon zuvor sind auch hier die HelferInnen sehr freundlich, doch leider teilen sie uns mit, dass sie nicht mehr so viel Auswahl haben, weil die TeilnehmerInnen vor uns schon so viel genommen haben. Ich bin baff. Auch wenn ich sicher nicht zu den Schnellsten gehöre, sind auch noch sehr viele LäuferInnen hinter mir und jeder freut sich auf eine „volle“ Labestation. Dazu aber später noch mehr. Für mich ist die Auswahl sehr bescheiden – kein Käse, kein Salz, keine Tomaten. Somit greife ich zu einem Stückchen Laugenstangerl und nehme mir ein paar Soletti. Meine Trinkblase fülle ich mit Wasser auf, hocke mich auf den Boden und nehme das Plastiksackerl mit meinem Iso-Pulver, um es dazuzumischen. Nachdem ich fertig bin, möchte ich wieder aufstehen, kann aber nicht, weil mir plötzlich mein Kreuz so weh tut. Ich kann mich nicht mehr bewegen. Irgendwie schaffe ich es dann aber doch, mich in einer Drehung unter Schmerzen aufzurichten. Was ist denn das jetzt plötzlich? Sowas hab ich ja noch nie gehabt. Ich kann mich weder nach vorne noch zurück beugen. Panik steigt kurzzeitig in mir auf. War’s das jetzt? Vielleicht helfen ein paar Schritte gehen. Und tatsächlich scheint sich alles wieder ein bisschen zu lockern und ich kann weitermachen. Zum Glück!

Morgens ist die Welt noch in Ordnung

Der Weg verläuft über einen flachen Steig den Wald hindurch, der nicht enden will. Immer wieder blicke ich auf das Höhenprofil auf meiner Startnummer. Hier schaut das flache Stück relativ kurz aus. Aber auf einer Strecke von 92 km sind 3-4 km auch eine relativ kurze Linie. Irgendwann ist das Ende doch erreicht und nach einem kurzen Stück bergab komme ich auf einen Feldweg und zum ersten Mal in die Morgensonne. Ich ziehe meine Jacke aus, setze meine Sonnenbrille auf und genieße die frische, kühle Luft und die Wärme der Sonne.

Es geht wieder bergauf durch den Wald. Zeit für mich, das Internet bei meinem Handy einzuschalten. Ich erhalte einige Nachrichten von meiner Familie und Freunden, die vor Motivation nur so strotzen. Ich muss lächeln und bekomme eine Gänsehaut. Das ist mittlerweile ein lieb gewonnenes Ritual für mich und ein weiterer PULSmoment während solcher Rennen. Ich rufe meine Mama an, die vermutlich gerade beim Frühstück sitzt, und gebe ihr Bescheid, dass es mir gut geht und ich auch zeitlich gar nicht so schlecht unterwegs bin 🙂 Wir werden uns später an der vorletzten Labestation treffen. Ab jetzt beginnt es steil zu werden, aber ich habe ein gutes Tempo und es geht gut voran. Außerdem freue ich mich über jeden Höhenmeter, weil er dann geschafft ist und insgesamt sollten heute 4000 auf mich warten. Die gilt es so gut wie möglich abzuarbeiten.

Auf dem Weg nach oben komme ich immer wieder an einem jungen Mann und einer jungen Frau vorbei, die das Rennen scheinbar als Team bestreiten. Wir überholen uns ständig gegenseitig und müssen irgendwann schon lachen, als es wieder soweit ist. „Bis gleich“ rufen sie mir zu. Und so sollte es kurze Zeit später auch wieder sein.

Spa-Programm

Wir kommen immer weiter ins Gebirge, die Landschaft wird für meinen Geschmack immer schöner: Teils mit Schnee bedeckte, felsige Gipfel im Hintergrund, der blitzblaue Himmel, saftig grüne Almwiesen, Blumen in allen Farben, Kühe in der Morgensonne. Und mittendrin die Schlickeralm, wo nicht nur die nächste Versorgungsstation wartet, sondern auch unser Drop Bag. Welch eine Freude! 🙂

Schlickeralm in Sicht

Die Stimmung bei der Alm ist entspannt. LäuferInnen ziehen sich um, versorgen sich mit Essen und Getränken, liegen in der Sonne, machen eine Verschnaufpause im Schatten. Es gibt hier sogar eine richtig Toilette, die ich gerne aufsuche. Danach wasche ich mein Gesicht mit sauberem Leitungswasser – eine Wohltat, denn die rund 10 Stunden, die ich schon unterwegs bin, haben bereits ordentliche Salzspuren hinterlassen. Jetzt ist es außerdem Zeit für Sonnencreme. Sollte ich mein Shirt wechseln? Bisher hatte ich gedacht, dass das überbewertet wird, weil man sowieso schnell wieder ins Schwitzen kommt. Schließlich mache ich es doch und bin heilfroh darüber. Wie ein neuer Mensch komme ich mir nach dem kurzen Spa-Programm vor. Trinkblase auffüllen, ein Stückchen Laugenstangerl, ein paar Soletti und Tomaten. Leider auch hier ohne Salz und Käse gibt es auch nicht mehr. Sehr bedauerlich! Nachdem ich meine Stirnlampen im Drop Bag verstaut habe und dafür meine Gels mitnehme, mache ich mich gemütlich auf den Weg. Frisch und munter, den Mund noch halb voll, lächle ich der Helferin an der Weggabelung vor der Alm zu, die ich vorher schon gesehen habe. „Viel Spaß weiterhin“ ruft sie mir nach.

Frisch und munter geht es weiter

Stars zum Anfassen

Vorbei an den Kühen führt mich der Weg immer weiter hinauf. Es geht über Steinfelder und durch Latschenwälder. Das Gelände wird hochalpin und die Aussicht fantastisch. Bei den Bergabpassagen könnte ein Fehltritt verheerende Folgen haben, so steil wie es da runter geht. Da meine Konzentrationsfähigkeit schon etwas nachlässt, lasse ich es ruhig angehen und setze meine Schritte bedächtig.

Irgendwann sollte die Abzweigung kommen, wo sich die Strecke der K85 von K110 trennt. Habe ich sie verpasst? Bin ich noch am richtigen Weg? Laut Streckenprofil müsste die Abzweigung hier irgendwo sein. Weil ich immer längere Zeiten alleine unterwegs bin, überkommen mich Zweifel. Aber ich laufe weiter und schließlich kommt doch irgendwann der nächste Streckenposten. Er versichert mir, dass ich am richtigen Weg bin und deutet mir, dass es jetzt „da rauf“ geht. Der höchste Punkt des Rennens ist kurz vor mir, nur noch einen extrem steilen Anstieg entfernt. Die Sonne knallt auf den Hang, Schatten ist Mangelware und schnell bin ich ziemlich k. o. Leider spüre ich schön langsam auch ein flaues Gefühl im Magen. Zahlreiche Wanderer kommen mir entgegen und ich bin froh, dass mich keiner von ihnen bergauf überholt. Bei meinem Tempo wäre das leicht möglich.

Vereinzelt sehe ich Trailrunner den Hang herunterrasen. Das müssen die Profis sein, die sich für die anstehende Trailrunning WM mit der Strecke vertraut machen. Sie feuern uns, die sich ganz offensichtlich hinauf quälen, begeistert an. „You are doing a great job! Go on! Look forward to the downhill. It’s coming soon and it’s amazing“ ruft mir einer im vorbeilaufen zu und klopft mir aufmunternd auf die Schulter. Bei denen sieht alles so leichtfüßig aus, während ich mich so schwerfällig fühle und kaum voran komme. Oben werden wir mit Kuhglocken und Zurufen angefeuert und ich schaffe es, den motivierenden Streckenposten anzulächeln. Hier ist nun auch die Trennung zwischen den beiden Strecken, endlich. Ein weiteres Zwischenziel ist erreicht und ebenso der höchste Punkt mit 2118 m.

Wait for me

Ich überhole zwei Wanderer, die sich ungläubig darüber unterhalten, dass wir schon seit Mitternacht unterwegs sind (aktuell ist es ungefähr Mittag). „Kann ich dir irgendwas geben? Brauchst du Wasser? Eine Manderine vielleicht? Oder Traubenzucker?“ bietet er mir an. Ich lehne dankend ab und gehe weiter. Mittlerweile ist mir nicht mehr flau im Magen, sondern eher schlecht. Immerhin erst jetzt, versuche ich mich selbst aufzumuntern.
Bergab bin ich langsamer unterwegs als gewünscht, aber das Gelände ist steil und der Weg sandig und steinig und ich möchte keinen Sturz riskieren. Meine Beine fühlen sich zwar noch halbwegs stark an, aber ich merke deutlich, dass mein Kopf zunehmend müder wird. Volodymyr, einer meiner Mitstreiter, ist schon eine ganze Weile kurz vor mir, doch nun wird der Abstand zu ihm immer größer. „Volodymyr, wait for me“ rufe ich ihm in Gedanken mehrmals nach. Zum Glück habe ich mich noch so im Griff, dass ich es nicht wirklich laut ausspreche 😉

Nachdem ich die Bergstation des Birgitzköpfellifts passiere, geht es über das erste und einzige Schneefeld. Vor mir waren schon viele hier unterwegs, daher sind die Fußspuren fest und sicher und es ist schnell geschafft.

In Verzug

Ab nun geht es viele hunderte Höhenmeter bergab. Bald ist der Boden weniger sandig und ich kann endlich flotter laufen. Nun tut schon alles etwas weh. Nicht nur verschiedenste Stellen an den Beinen, sondern auch der Rücken, der Bauch, der überhitzte Kopf,… Oft schaue ich auf die Uhr, die mir zeigt, dass meine Zeit mittlerweile nicht mehr ganz so gut ist. Das technische Gelände hat mehr Zeit in Anspruch genommen als geplant. Ich werde also doch nicht früher als erwartet im Ziel sein. Meine Mama muss länger auf mich warten. Das ist im Moment meine größte Sorge.

Nach etwa 68 km erreiche ich die Mutterer Alm, wo ein reges Treiben herrscht. Ich finde das Versorgungszelt anfangs zwischen den vielen Bikern, Wanderern, Sonnenschirmen und dem ganzen Trubel gar nicht. Blöderweise steht es verkehrt und unbeschildert da. Schließlich finde ich es doch und es lächeln mir zwei freundliche Damen entgegen. Auf der Treppe neben mir sitzen zwei Läufer im Schatten. Beide kenne ich schon von unterwegs. „Leider haben wir nicht mehr das volle Angebot“ heißt es auch hier. Ärgern bringt in diesem Zustand nichts mehr. Im Nachhinein betrachtet halte ich es jedoch für eine Zumutung, dass bei einem Trailevent auf Strecken von über 90 bzw. 110 km die Labestationen nicht ordentlich bestückt sind. Immerhin gibt es hier Salz, in das ich das Stückchen Laugenstangerl eintauche, weil ich nichts anderes finde. Ich nehme mir ein paar Kleinigkeiten mit und esse sie, während ich zurück auf die Strecke gehe. „Ich bin leider langsamer als ich wollte“ jammere ich ins Handy, nachdem meine Mama abgehoben hat, und informiere sie, wann ich in etwa in Kranebitten sein werde. Mein nächstes großes Zwischenziel ist unser Treffen dort.

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Der Weg führt jetzt steil nach unten auf einem Trail, auf dem sich normalerweise Biker hinunterstürzen. Unvorstellbar für mich. Aber zum Laufen geht es ganz gut und ich beiße die Zähne zusammen, weil jeder Schritt ein bisschen schmerzt. Ich lauschen den Kuhglocken und fühle mich, als würden sie mich ins Tal hinunter läuten. Unten angekommen spüre ich, dass sich die Hitze am mittlerweile frühen Nachmittag in ihrer vollen Pracht zeigt. Die Luft steht und ich greife immer öfters zu meinem Trinkschlauch. Auf einem Feldweg treffe ich plötzlich auf eine riesige Gruppe von LäuferInnen, die nicht zu enden scheint. Ich komme mit den TeilnehmerInnen der kürzeren Strecken zusammen, die alle noch frisch aussehen. Anfangs bin ich sehr froh, nicht mehr so alleine herumzulaufen. Es tut gut, sich von den anderen mitreißen zu lassen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Doch bald merke ich, dass mein „Leid“ etwas größer ist und ich weder beim Tempo noch bei der Fröhlichkeit der anderen mithalten kann. Als der Weg kurzzeitig so eng wird, dass Überholen unmöglich ist, lasse ich die anderen eine Weile vorbei, weil ich alle aufhalten würde. Doch irgendwann muss ich auch durch, sonst stehe ich hier noch ewig. Mir ist so heiß und meine Freude ist groß, als am Wegrand ein Brunnen auftaucht, in dem ich meine Arme untertauche und Wasser über meinen Kopf schütte. Wie angenehm. So geht es eine Weile bergauf und bergab und ich stelle vermehrt fest, dass das aufgezeichnete Höhenprofil nicht mit der Realität übereinstimmt.

Zur Ablenkung schaue ich zwischendurch auf mein Handy und bin von jeder Nachricht, mit der mir Mut und Kraft geschickt wird, überwältigt. Zum Antworten bin ich allerdings zugeschafft.

Hitzige Zeiten

„Unglaubliche Leistung“, „Weiter so“, „Du bist super, Theresa. Es ist nicht mehr weit“. An der Farbe meiner Startnummer erkennen die LäuferInnen um mich herum immer wieder, dass ich schon ein ganzes Weilchen unterwegs bin und hier eher als „Fremde“ in ihrer Gruppe gelte. Ihr Zuspruch und die motivierenden Worte sind unglaublich berührend. Ich lächle ihnen dankend zu, kann aber nicht allzu viel sagen. Dafür habe ich keine Kraft mehr. Die Verpflegungsstation Kranebitten, die ich schon lange herbeisehne, ist irgendwann nur noch wenige hundert Meter weg. Auf dem Feldweg knallt die Sonne herunter, kein Lüftchen weht und mein Körper glüht. „Du bist spitze. Jetzt musst du nur noch mental durchhalten!“ ruft mir eine Frau zu. Tränen kommen mir in die Augen. Das ist jetzt wohl die größte Aufgabe. Aber nach einer kurzen Pause, ein bisschen was zu essen und einen Drücker von meiner Mama wird es sicher besser gehen, beruhige ich mich selbst. Schließlich biege ich zur Verpflegungsstation ein, die auf einem Feld aufgebaut ist. Ich kann nicht glauben, was ich da sehe: Unzählige LäuferInnen stehen in der prallen Sonne und warten, bis sie ins Zelt kommen, um sich was zu essen und zu trinken zu holen. „Wenn ich hier stehenbleibe, falle ich um“, rufe ich meiner Mama verzweifelt zu. Hier in der Hitze zu warten, bis ich rein darf, ist für mich völlig ausgeschlossen. Zum Glück fällt mir noch ein, dass ich die Zeitnehmungsmatte überqueren muss, die beim Eingang des Zelts aufgebaut ist. Ich schiebe mich an den anderen vorbei, gehe darüber, und bin auch schon wieder weg. Ich falle meiner Mama in die Arme und bin unendlich froh, sie zu sehen. Gleichzeitig bin ich verärgert. Total fertig gehe ich weiter, meine Mama begleitet mich dabei bis zu ihrem Auto. Mit ihr zu reden tut gut und ist eine willkommene Abwechslung. Schließlich verabschieden wir uns mit einer Umarmung. Es sollten noch ca. 12 km und 500 hm bis zum Ziel sein. Die werde ich auch noch irgendwie schaffen.

Es geht wieder ziemlich steil bergauf und es fühlt sich an, als hätte die Hitze gerade ihren Höhepunkt erreicht. Alle kämpfen sich nach oben, suchen jedes kleine Fleckchen Schatten, bleiben immer wieder stehen. Manche sitzen auch blass am Wegrand. „Wenn du das heute schaffst, musst du sowas vielleicht nicht wieder machen“ sage ich in Gedanken zu meinem Körper. Und ich schleppe mich weiter den Steig hinauf. Ein paar Mal teste ich die Taktik mit dem Stehenbleiben zwischendurch, doch weil ich mich dabei auch nicht besser fühle, gehe ich weiter. Bei dem Tempo muss ich zwar aufpassen, dass ich nicht das Gleichgewicht verliere – so langsam setze ich einen Fuß vor den anderen – aber jeder Schritt bringt mich immerhin einen Schritt näher zum Ziel.

Gewitterstimmung

Weit kann es nicht mehr sein. Irgendwann zeigt meine Uhr schließlich die erhofften 4000 hm an, was für mich bedeutet, dass die Höhenmeter geschafft sind. Der Blick aufs Höhenprofil bestätigt meine Annahme ebenso. Es wird also bald Zeit für den „Schlusssprint“, denke ich erleichtert. Doch es sollte anders kommen als erwartet. Anstatt dass sich der Weg irgendwann endlich einmal nach unten schlängeln würde, geht es entweder unendlich weit flach durch den Wald, oder es geht bergauf. Immer weiter bergauf. Und immer weiter durch den Wald. Mittlerweile bin ich wieder so gut wie alleine unterwegs, weil sich die Strecken wieder getrennt haben. Ich höre das erste Donnergrollen und es dauert nicht lange, bis ich die ersten Tropfen spüre, das Donnern immer lauter wird und nun auch die ersten Blitze zu sehen sind. Und der Weg geht immer weiter bergauf und zwischendurch flach durch den Wald. Ich kann es nicht fassen. Bin ich hier überhaupt noch richtig? „Ja“ zeigen mir die Markierungen sehr deutlich. Mit einer Mischung aus Verzweiflung und Wut stapfe ich durch den Wald und als es mir irgendwann zu nass wird, ziehe ich meine Regenjacke an.

Schokolade hilft immer

Der Drang, einfach aufzugeben, wird immer größer. Mittlerweile sind es weit über 4000 hm und schon mehr als 87 km. Wenn die eingezeichnete letzte Verpflegungsstation doch noch kommt, würde die Strecke auch länger als angekündigt sein. Aber aus diesem Wald muss ich sowieso irgendwie hinaus, abholen wird mich hier niemand. Also kann ich auch weitermachen. Meine Mama tut mir Leid, weil sie länger auf mich warten muss als gedacht. Irgendwann beginnt ein Downhill und ich hoffe insgeheim, dass es der letzte für heute ist. Plötzlich sehe ich durch die Bäume hindurch die letzte Verpflegungsstation auftauchen. Zahlreiche LäuferInnen tummeln sich dort. Sie haben den stärksten Regen unter einem Vordach abgewartet. Ich nehme mir eine ganze Reihe Schokolade und fülle meinen Becher mit Cola. Ab jetzt sind mir alle Vorsätze egal. Ich brauche Zucker – nicht zuletzt für meine Nerven. Zwei Stücke in den Mund, zwei Stücke für später einschieben. Und weiter. Die Forststraße führt flach nach vorne und nach einer Weile zeigt der Pfeil – wie könnte es anders sein – links weg, natürlich wieder bergauf. Ich habe mittlerweile keine Erwartungen oder Hoffnungen mehr und nehme es ein bisschen gelassener als vorhin. Doch der Läufer vor mir, der die Abzweigung übersehen hat und geradeaus weitergeht, verdreht verzweifelt die Augen, als ich ihm zurufe, dass wir links rauf müssen. Ich treffe auf eine weitere Gruppe und erkundige mich, was ihre Uhren anzeigen. Sie würden von den Daten her ebenfalls bereits im Ziel sein.

Und plötzlich ist das Ende in Sicht

Aber es hilft alles nichts, wir müssen hier durch. „Jetzt geht es wirklich nur noch bergab“, muntert mich ein Streckenposten mitfühlend auf. Wahrscheinlich hat er meinen verzweifelten Blick schon von weitem gesehen. „Wissen Sie, wie viele Kilometer es noch sind?“ „Zwischen 4,1 und 4,2!“ Ich bedanke mich für die kompetente Auskunft. Um sicher zu gehen, stelle ich mich auf 5 km ein. Und tatsächlich. Der Weg führt nach unten, der Stadt entgegen. Weder flach noch bergauf. Nur nach unten. Mit jedem Höhenmeter, den ich verliere, gewinne ich an Motivation und Zuversicht. Und irgendwann ist es eindeutig: Ich komme auf den Weg zurück, den ich letzte Nacht bereits bergauf gegangen bin. Und jetzt weiß ich es ganz sicher, dass ich auf der Zielgeraden bin. Und dass ich das Ziel erreichen werde. Ich stecke die zwei mitgenommenen Stückchen Schokolade in meinen Mund, lächle in mich hinein und lege an Tempo zu. Die Strapazen des Laufes sieht man uns allen deutlich an. Kaum jemand läuft ohne ein kleines Humpeln, Fluchen oder komische Verrenkungen der Stadt entgegen. Doch ich beiße meine Zähne zusammen und beginne, einen nach dem anderen zu überholen, bis ich schließlich den Inn überquere und das letzte flache Stück vor mir habe. Ich gehe nochmal ein paar Meter, trinke, richte meine Startnummer in Position. Und auf geht’s. Die Lautsprecherdurchsagen und die Musik werden immer lauter. Die Menschen am Straßenrand feuern uns kräftig an. Ich überquere die Straße und laufe am Park entlang, in dem unzählige TeilnehmerInnen und Begleitpersonen applaudieren, zurufen, herumspringen und mir damit eine enorme Kraft geben. Gänsehaut steigt mir am gesamten Körper auf. Das Lachen in meinem Gesicht wird immer breiter. Ich laufe in die Zielarena ein, die letzte Kurve und schließlich ist er vor mir, der unendlich lang ersehnte Zielbogen.

Zieleinlauf 🙂

Ich habe es geschafft. Nach 17 Stunden und 24 Minuten ist es vollbracht und ich komme als 8. Dame ins Ziel. Nachdem ich die Medaille um den Hals gehängt bekomme, sehe ich meine Mama am Absperrgitter stehen, falle ihr um den Hals und kann die Tränen in den Augen nicht mehr zurückhalten. Ich bin unendlich erleichtert. Und ich spüre, dass ich damit nicht die einzige bin.

Geschafft!!! 🙂

Schlussgedanken

Letztendlich habe ich eine Strecke von 93,6 km und 4426 hm zurückgelegt. Auf den ersten Blick mag das kein großer Unterschied zu den angegebenen 91,6 km und 4020 hm sein, doch bei einem Rennen, bei dem man sich einer derartig großen Herausforderung stellt, ist es meiner Ansicht nach wichtig, dass man sich auf Fakten verlassen kann. Nicht nur körperlich, sondern auch mental ist es extrem fordernd und wenn ich mich auf 4020 Höhenmeter einstelle, ist es nicht einfach, weitere 400 Höhenmeter zu überwinden. Wäre das von Anfang an bekannt, wäre das kein Problem. Außerdem halte ich es für wichtig, dass die Höhenprofile mit der Realität übereinstimmen, was hier leider nicht immer der Fall war. Ich habe im Anschluss mit einigen TeilnehmerInnen der anderen Distanzen gesprochen und alle haben von denselben Problemen berichtet.

Nichtsdestotrotz bin ich unendlich froh, mich dieser Herausforderung gestellt und sie bewältigt zu haben. Es ist schwer zu beschreiben, welche Gedanken und Emotionen man während und nach dem Rennen verspürt und auch Tage danach begleiten mich die Eindrücke noch sehr intensiv.

Ob ich mein Angebot an meinen Körper, dass er das vielleicht nicht noch einmal ertragen muss, wenn ich es diesmal schaffen würde, wirklich einhalten kann? Wir werden sehen… 😉