Einer der ganz Hohen in Gastein, auf den kein markierter Weg führt. Vor ein paar Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich tatsächlich eines Tages dort oben stehen könnte. Und wenige Minuten bevor es tatsächlich soweit war, war es immer noch ungewiss. Spannung bis zum Schluss auf einer weiteren Tour vom Gasteiner Gipfelkranz.
Ein früher, steiler Start
Ein Samstag im Juli, der Wetterbericht versprach stabiles Sommerwetter, die Rucksäcke waren gepackt. Um 5.00 Uhr starteten wir am Parkplatz im Kötschachtal Richtung Prossau. Auf den rund 5 km die Forststraße entlang konnten wir uns ausreichend eingehen, bevor wir dem Weg rechts zum Talschluss folgten.

Wir wussten noch von der letzten Tour, dass der Einstieg zum Bärensteig nicht ganz einfach zu finden war. Doch ich hätte nicht erwartet, dass wir diesmal im Endeffekt genau die gleichen falschen Entscheidungen trafen. Mindestens 20 Minuten irrten wir zwischen Stauden, Disteln und Brennesselen umher, bevor wir schließlich doch am richtigen Weg waren.
Der Bärensteig allein könnte grundsätzlich schon erfüllend sein, wenn man ein wenig Abenteuer sucht und sich abseits der gewöhnlichen Wanderwege bewegen will. Mehrere Leitern, Seile und Ketten wurden dort angebracht, um einige hundert Höhenmeter steiles Gelände nach oben zu kommen und teils senkrechte Wände zu überwinden. Ich war froh, dass ich hier noch wusste, was auf mich zukam, denn zum Bocksteinkogel muss man ebenso diesen Weg wählen.



Nach dem letzten Seil führt der Steig weiter durch Latschen, über Steine, durch den Bach und weniger steil ansteigend über Wiesen, bis man schließlich ein fast flaches Gelände erreicht. Ein Kessel eingebettet in steinige Gipfel jenseits der 3000-Meter-Grenze. Ich war nun zum zweiten Mal in diesem Gebiet und fand es wieder so beeindruckend, wie gemalt wirkte die imposante Landschaft rund um mich.

Über Steinfelder dem Gipfel entgegen
Nach einer kurzen Stärkung gingen wir weiter über die nun wieder steiler werdenden, mit Gras bewachsenen Hänge, in die sich immer mehr Steine mischten, bis wir das Grün irgendwann ganz hinter uns ließen. Stattdessen umgaben uns Steine aller Art und Farben, von Schneeweiß bis Dunkelgrau, schimmern und matt, abgerundet und spitz, in allen Größen. Ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, wie wir hier den Gipfel erreichen sollten. Doch Viktor kannte den Weg, den er sich im Vorjahr selbst gesucht hatte, und zeigte mir immer wieder den nächsten Abschnitt, den wir dann mit Ruhe zurücklegten.

Teilweise entdeckten wir Steinmännchen, die mir immer ein gewisses Gefühl von Sicherheit geben. Diese wurden mit der Zeit aber immer immer seltener, bis wir schließlich gar keine mehr sahen. Obwohl wir schon über 2500 Metern waren, war es ziemlich warm. Erst einige hundert Höhenmeter später, als ein frischer Wind zu wehen begann, wurde es Zeit für eine Jacke.

Wir überquerten ein kleines Schneefeld und gingen großteils auf gratähnlichem Gelände weiter nach oben. Auffällig war, dass die Steine hier oben häufig locker waren. Auf ähnlichen Steinfeldern, die wir schon öfters durchschritten hatten, waren die meisten Steine fest verankert. Man konnte mehr darauf vertrauen, dass nichts wackelte. Hier war es anders. Immer wieder traten wir selbst kleinere Steine weg.
Gipfelanstieg
Auf rund 2800 Metern legten wir nochmals eine Trinkpause ein. Ich blickte ehrfürchtig nach oben. Alleine hätte ich an dieser Stelle wohl nicht gewusst, wie ich den Gipfel erreichen könnte. Vor uns befanden sich steile Steinhänge und teilweise Felswände in einer Größe, die ich nicht überwinden hätte können. Aber Viktor war sich sicher, dass es zu schaffen war. Der Gipfelanstieg begann also und zu Beginn wählten wir einen etwas anderen Weg als Viktor im Vorjahr, weil es ein Schneefeld, das er damals nutzte, heute nicht mehr gab. Somit gingen wir weiter rechts hinauf und bald wurde aus dem Gehen ein Kraxeln. Das war an sich kein Problem – der Feld war trocken und rau. Somit hatte man einen guten Grip. Rechts wäre es allerdings senkrecht in die Tiefe, links war es nicht ganz so schlimm. Aber schmerzhaft wäre ein Ausrutschen auch hier gewesen.
Solche „Kraxlereien“ sind nach oben meist einfacher zu bewerkstelligen als nach unten und so erwähnte ich mehrmals, dass ich hier zwar nach oben, aber nicht mehr nach unten kommen würde. Viktor hatte mir schon zuvor versichert, dass wir einen anderen Weg nach unten wählen würden, doch wollte ich durch meine mehrmaligen Wiederholungen den Ernst der Situation betonen.

Es wurde wieder etwas einfacher und ich konnte mich etwas entspannen, bis wir schließlich den Gipfelgrat erreichten. Das Gipfelkreuz war nun nur mehr wenige Meter höher als wir und schon fast zum Greifen nahe. Doch ich wusste – die letzten Meter sollten die Schlüsselstelle darstellen. Ein paar Schritte gingen wir über die Steine in Richtung Kreuz, bis wir einige Felsplatten überwinden mussten: Mit den Händen hielt ich mich oben an der Platte fest und hantelte mich so Schritt für Schritt hinüber. Großteils gab es kleine Spalten, in denen man relativ gute Tritte fand. Doch mir war bewusst, dass ich mir hier keinen Fehler erlauben durfte und diese Stelle meine volle Konzentration verlangte. Langsam und bedacht bewegte ich mich Schritt für Schritt vorwärts (oder besser gesagt seitwärts), bis ich schließlich wieder beide Füße nebeneinander auf einen Stein stellen und durchatmen konnte.


Durchatmen und Aussicht genießen
Hier wurde mir ganz besonders bewusst, wie wichtig der Fokus auf die Atmung ist bzw. wäre, denn ich hatte ihn wohl immer wieder angehalten, was die Situation nicht gerade vereinfacht. Aber es war geschafft. Noch ein kurzes Stück weiter und ein letztes Kraxeln direkt vor dem Gipfelkreuz und wir hatten es tatsächlich geschafft. Wir standen gemeinsam am 3.004 Meter hohen Tischlerkarkopf!


Meine Freude war enorm, ich konnte es kaum fassen wirklich hier zu sein. Die Aussicht war fantastisch: Der Ankogel direkt vor uns, recht die Tischlerspitze und dahinter der Hölltorkogel. Beide hatten wir im letzten Winter mit den Tourenski erklommen hatten. Eine malerische Kulisse, die mir gleichzeitig fast den Atem raubte, so beeindruckend baute sich alle um mich herum auf. Ich suchte ein bisschen herum und fand bald eine alte Blechdose, die mit Steinen bedeckt war. Ich grub sie aus und fand darin – in 2 Plastiksackerl eingewickelt- das Gipfelbuch mit Kugelschreibern. Es war mir eine besondere Ehre, uns darin eintragen zu dürfen. Die letzten Einträge zeigten, dass es sich wirklich nicht um einen viel begangenen Gipfel handelt – im heurigen Jahr waren wir lt. Buch erst die fünfte Gruppe.
Ein Gipfel-Snickers gab uns wieder Energie und nach einer kurzen Pause packten wir uns wieder zusammen.
Ich war zwar auf eine gewisse Art erleichtert, den Aufstieg geschafft zu haben, doch entspannen konnte ich mich nicht. Zu groß war der Respekt vor dem Abstieg, der auf uns wartete und der eine enorme Herausforderung werden konnte.
„Ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist. Denn vorher gehörst du ihm.“ (Hans Kammerlander)
Konzentriert folgte ich Viktor die ersten Schritte vom Kreuz weg bis schließlich die Schlüsselstelle wieder vor uns war. Ich atmete tief durch – diesmal schon gleich zu Beginn und nicht erst, nach dem ich gefühlt minutenlang den Atem angehalten hatte. Wieder hantelte ich mich langsam seitwärts und wählte meine Tritte mit Bedacht. In den Abgrund unter mir wagte ich keinen Blick, sondern fokussierte mich auf den Fels vor mir.
Abstieg in die Sicherheit
Zu meiner Erleichterung ging es diesmal leichter als beim Hinweg. Vielleicht, weil ich schon wusste, was auf mich zukam. Vielleicht, weil es in diese Richtung tatsächlich einfach zu bewältigen war. Jedenfalls war ich schneller auf der anderen Seite als gedacht. Viktor sammelte seinen Stock ein, den er vorher hier hingelegt hatte, weil er sich nicht mehr zusammenklappen ließ. Im Rucksack hätte er womöglich gestört, weil er damit leicht irgendwo hätte hängenbleiben können.
Nun sollten wir einen anderen Weg finden als herauf, weil ich wusste, dass ich dort nicht mehr hinunterkommen würde. Und das taten wir. Über Geröll- und Steinfelder bahnten wir uns unseren Weg hinab und bei kleineren schwierigeren Stellen fanden wir immer eine Lösung. Langsam aber sicher begann ich etwas locker zu lassen. Ich war die ganze Zeit unter enormer Anspannung gestanden, weil ich fest davon überzeugt war, dass ich mir auf dieser Tour keinen Fehler erlauben durfte. Dazu kam, dass wir auf der gesamten Tour mehr als 2.000 Höhenmeter bewältigen, was man natürlich auch irgendwann spürt.

Vom Weg hinauf wusste ich, dass wir „in Sicherheit“ waren, sobald wir wieder auf 2.500 Metern zurück waren. Und ich war unglaublich erleichtert, als diese Höhe auf meiner Uhr angezeigt wurde. Im Nachhinein betrachtet war es schon weiter oben nicht mehr allzu gefährlich. Doch ich wollte in dieser Situation auf Nummer sicher gehen und wirklich erst ab da eine Entspannung zulassen.
Gletschersee und Jausenbrot
Obwohl wir beide schon Hunger hatten und dieser mittlerweile schon zu hören war, entschieden wir uns, die Pause erst beim Gletschersee einzulegen, den wir schon beim Aufstieg gesehen hatten. Es war kein großer Umweg und dort angekommen, konnten wir nicht widerstehen und kühlten und in dem kristallklaren, eiskalten Gebirgswasser ab. Es war eine herrliche Erfrischung, auch wenn ich es darin nur wenige Sekunden aushielt. Erholt und zufrieden genossen wir danach unsere Jause, die ich schon sehnsüchtig erwartet hatte. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit hielten wir uns aber nicht allzu lange auf, es wartete noch ein weiter Weg auf uns.

Das Leben in die eigene Hand nehmen
Allmählich hatte ich nichts mehr zu trinken, aber wir mussten noch einige Steinfelder überwinden, bis langsam wieder Gras zwischen den Steinen hervorkam. Schließlich erreichten wir die Grashänge , durch die sich kleine Bäche schlängelten. Es war nun sonniger als am Vormittag und die Hitze hatte ihren Höhepunkt erreicht. An einer geeigneten Stelle füllte wir unsere Flaschen mit dem frischen Wasser auf.

Zwischen den Latschen war die Hitze beinahe unerträglich, sodass ich auch beim Bergabgehen ordentlich ins Schwitzen kam. Dank unserer Uhren, auf die wir immer wieder einen kontrollierenden Blick warfen, fanden wir den Weg zurück ohne Probleme.


Als wir das erste Seil erreichten, spürte ich schön langsam die Müdigkeit und war froh, dass ein Großteil der Tour schon geschafft war. Als ich mich Seil für Seil und Leiter für Leiter nach unten bewegte, konnte ich den Gedanken nicht mehr aus meinem Kopf bringen, dass ich hier mein Leben wortwörtlich in meine Hände nahm. Ein Loslassen am Seil über diesen Abgründen konnte nichts Gutes bedeuten.
Aber alles ging gut und auch unten, wo wir heute Morgen noch so umhergeirrt waren, blieben wir diesmal am richtigen Weg.
Sobald wir wieder Empfang hatten, gab ich zu Hause Bescheid, dass wir gut unten angekommen waren. Gerade bei solchen Touren ist es meiner Ansicht nach sehr wichtig, immer Bescheid zu geben, und sich auch zurückzumelden bzw. einen Notfallplan gemeinsam zu vereinbaren. (Mittlerweile war es 17.00 Uhr und ich hatte eigentlich angekündigt, dass wir um spätestens 16.00 Uhr zurück sein müssten. Zum Glück gab es aber weiter oben auch einmal Netz, sodass ich da schon informieren konnte, dass wir die vereinbarte Zeit nicht schaffen würden.)
So angenehm wie das flache „Eingehen“ zu Beginn war, so wenig brauchten wir nun das „Ausgehen“ auf der Forststraße in der Hitze des späten Nachmittags. Die Fußsohlen brannten schon ein wenig, ich war hungrig (schon wieder), müde und verschwitzt. Doch trotz der Erschöpfung war ich gleichzeitig extrem aufgedreht. Es schien, als wäre nun die letzte Anspannung von mir abgefallen und die Freude über den Gipfelsieg war nun vollkommen präsent. Schon so lange war dieser Berg ein Ziel und heute hatten wir es geschafft, trotz all der Herausforderungen und Sorgen.
Und damit war ich auch dem Ziel Gipfelkranz wieder einen Schritt näher gekommen.
Mit diesen schönen Gedanken im Kopf schafften wir das letzte Stück noch gut.
Die Pizza schmeckte an diesem Abend besonders gut, die Dusche wahr eine wohltat und das Bett war auch gemütlicher als sonst 🙂

